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Da war einmal ein türkischer Reeder, namens Hazim C. Mardin... So fangen bekanntlich Märchen an und auch die Geschichten aus "Tausend und eine Nacht".

Raman ex Gulf of Mexico

Türkischer Tankdampfer Raman ex Gulf of Mexico 1917 - 1962.
IDNo: 2215404
Schwesterschiffe: Broad Arrow- Deepwater - E. L. Dohenny und fünf weitere der gleichen Werft sowie sechzig von anderen Werften.
Stapellauf: 28.06.1917
Fertigstellung: August 1917
Flagge: USA
Bauwerft: New York Shipbuildind Corporation Camden N.Y.
Baunummer: 173
Eigner: Gulf Refining Co.
Größe: 7807 BRT. Länge 142,05 Breite: 19,01 Tiefgang: 8,50
Antrieb: Eine 4-zylindrige Expansions-Maschine, drei Kessel, eine Schraube. 4000 PSi.
Geschwindigheit: 11 Knoten
Besatzung: etwa 52 Mann
1950 an Reederei Hazim C. Mardin Istanbul
Unterscheidungssignal als Raman: TCUV
Verschrottet am 29.06.1962 in Istanbul-Balat



In der Welt geschehen oft merkwürdige Dinge, von denen sich ein gewöhnlicher Sterblicher kaum je etwas träumen lässt. Bekanntlich schreibt das Leben die besten Romane. Warum nicht also auch in der Schiffahrt. Da diese Geschichte zudem nicht eines gewissen Humors entbehrt, obwohl die Beteiligten zu jener Zeit als sie passierte ( 1952 - 1953 ) alles andere als heiter gestimmt waren, ist sie es wert hier wiedererzählt zu werden.
Das was hier niedergeschrieben steht ist kein Märchen sondern eine bitterböse Geschichte, die man, wenn man will Wort für Wort in den alten Bremer Polizeiakten nachlesen kann. Außerdem - wenn der Türke Hazim C. Mardin inzwischen nicht gerade gestorben sein sollte, lebt er noch heute als Kronzeuge und Opfer unseres Paragraphen  gespickten Zeitalters. 
Sein Haus steht in Istanbul, jener Märchenstadt an der Pforte zwischen Europa und Asien, die man früher Konstantinopel und später Stambul nannte. Hazim C. Mardin war ein rechtschaffender Mann, ein ausgezeichneter Kaufmann, ein guter Reeder und  - was man längst nicht von jedem Reeder sagen kann - ein tüchtiger Seemann obendrein. Er hatte nämlich das nicht immer gerade leichte Handwerk eines Seemannes von der Pike auf erlernt, mit anderen Worten: er hatte sich schon als Moses den Wind der sieben Weltmeere um die Osmanischen Ohren wehen lassen. Im Laufe eines Jahrzehnts hatte er es dann zu dem gebracht was jedem Schiffsjungen vorschwebt, er war Kapitän geworden.  
Dieser Mann verstand sein Fach. Aber das war es, was ihn später verleitete, ein Husarenstückchen in Szene zu setzen, über dem hinterher wohl alle Welt geschmunzelt hat. Und zwar eins, das jedem ollen, ehrlichen Seemann Hochachtung abnötigte, auch wenn die sonstigen Begleitumstände nicht so ganz in Ordnung waren und sowohl der Staatsanwalt als auch der Richter hinterher bitterböse Gesichter machten.   
Zur Flotte, die Hazim C. Mardin sein eigen nannte, gehörte auch ein uralter Tanker. Zur Zeit als die U.S.A. in den ersten Weltkrieg gegen uns eintraten wurde dieser Tanker gebaut und als Gulf of Mexico in Dienst gestellt. Er gehörte damals zu den größten seiner Klasse.
Ein rundes Vierteljahrhundert tat die Gulf of Mexico Dienst bei der Gulf Oil Co. bis sie nicht mehr gut und schnell genug war. Da sie aber robust gebaut war und man währen und nach dem zweiten Weltkrieg mit Schiffen sehr sparsam umging wanderte sie nicht , wie es sonst üblich war zum Abwrackfriedhof, sondern nur in ein anderes Land. 
 
Dieses Land führte statt 50 Sterne nur einen Stern, dafür aber noch einen Halbmond.

Ihr neuer Eigner  hieß Hazim C. Mardin und ihr neuer Name lautete Raman. Reeder Mardin knauserte auch nicht und ließ Reparatur Angebote aus aller Welt kommen und entschied sich schließlich dafür, der rühmlich bekannten deutschen Werft in Bremen, der A.G. Weser den Auftrag zu erteilen. Die Raman fuhr also rund um den Kontinent bis in den Werfthafen der A.G. Weser. Man schrieb den 27.Juli 1952. Schiffs-und Schiffsmaschinenbauer, Schweißer und Nieter, Rostklopfer und Maler nahmen sich liebevoll der älteren Dame an. Wenn deutsche Arbeiter etwas in die Hände bekommen, dann machen sie es gründlich. Jedenfalls zu der damaligen Zeit. Keine Schraubenmutter auf dem Tanker wurde übersehen. Hazim C. Mardin sollte staunen wenn er seine Raman wiedersah. Ganz besonders sorgfältig wurde die Maschine überholt. Es stand ja noch die gleiche Maschine auf den Fundamenten, wie sie damals vor 35 Jahren von den Amerikanern eingebaut wurde. Soweit war alles gut und schön und ging auch bestens in Ordnung. Nur oben im Direktionsbüro war man nicht ganz so zufrieden. Die festgesetzten Ablieferungstermine würden eingehalten werden. Man konnte sich höchstens um ein bis zwei Tage verspäten. Die Zulieferer blieben manchmal mit den Zubehörteilen in Rückstand. Arbeitskräfte wurden auch schon knapp, gelernte Schiffs- und Schiffsmaschinenbauer suchte man schon zu dieser Zeit mit der Laterne. Was die Herren Direktoren von der A.G. Weser etwas verstimmte, war das Ausbleiben des erwarteten Schecks aus der Türkei. Die Rechnung ging in die hundertjausende. So dicke hatte man aber das Geld nicht, dass man alles aus eigener Tasche bezahlen konnte, bis der Dampfer fertig war und die entgültige Rechnung dem Herrn in der Türkei vorgelegt werden konnte. Ein kleiner Kostenvorschuss von einigen hunderttausend Mark musste und solle schon vorher fallen.
 Er kam aber nicht.     

Das lag jedoch nicht am guten oder schlechten Willen des türkischen Reeders, der sich ja zur Leistung einer Anzahlung verpflichtet hatte, damit die Werft die teuren Maschinenteile und die vielen anderen Dinge kaufen und einbauen konnte. Es lag an der damals wie heute so herrlichen Weltordnung, genauer gesagt an den vielen hundert Paragraphen, Bestimmungen und Verordnungen, die jedem Bürger mit einem engmaschigen Netz von Verboten umgeben. Mit anderen Worten, es gelang Hazim C. Mardin nicht, den geforderten  Vorschuss von Istanbul nach Bremen zu überweisen, weil ein Dschungel von Devisenverkehrsbestimmungen erst durchgeackert werden musste, in dem sich selbst Experten kaum noch zurechtfanden. Der gute Willen des Türken blieb also in diesem Dickicht hängen, und die Bremer warteten vergeblich auf ihr Geld. So schlimm war das aber auch wieder nicht, denn die A.G. Weser war sicher ihr Geld zu bekommen. Sie hatten ja den Tanker als Pfand. Also wurde weiter daran gearbeitet, bis eines Tages auch der letzte Pinselstrich getan und der letzte Niethammer von Bord getragen wurde. Die Raman war fertig. Hazim C. Mardin konnte kommen und sein Schiff in Empfang  nehmen.
 Nun begann die Geschichte kompliziert zu werden. Die Werft wollte jetzt nicht nur ein paar lumpige hunderttausend Mark haben, sondern sage und schreibe 1,6 Millionen Mark. Soviel hatte die Werftzeit des Tankers gekostet. Dadurch geriet Hazim C. Mardin noch mehr in Bedrängnis. Wenn es ihm trotz redlicher Mühe nicht gelungen war, einige Hunderttausend Mark zu transferieren, wie um alles in der Welt, sollte er nun gleich eine Million und noch eine halbe dazu auf die Beine bringen und daneben seinem Finanzminister klarmachen, dass er dafür die entsprechenden Devisen haben müsste.
 Aber nicht nur das. Dadurch das der Tanker wochenlang notgedrungen in der Werft gelegen hatte, war ja schon ein erheblicher Ausfall an Verdienst entstanden. Hazim C. Mardins Nerven wurden wie sei Bankkonto immer.  dünner. Dazu kam ein weiteres Übel. Jeden Tag den die Raman in Bremen lag wurde Liegegeld fällig. Und zwar ein ganz gehöriger Batzen.
 Die Behörde berechnete das Liegegeld ja nicht nach der Anzahl der Schornsteine oder der Ärmelstreifen auf dem Jackett des Kapitäns, sondern nach der Größe des Dampfers. Hazim C. Mardin in Istanbul hatte also große Sorgen und wusste nicht, wie er sie loswerden und dafür seinen Tanker zurückerhalten konnte. Heute würde jede Bank bei genügend Deckung eine Überweisung vornehmen oder einen Scheck ausschreiben. Was heute gang und gäbe ist, wäre anno 1952 ein schweres Devisenvergehen gewesen. Reisefertig, wie er war blieb der Tanker liegen wo er war. Während man hier sowohl dort darauf wartete das etwas geschah.
Eines Tages passierte dann auch wirklich etwas. Reeder Hasim C. Mardin schickte jeweils ein paar Mann von Istanbul mit der Bahn nach Bremen. Auf diese Weise wurde nach und nach die gesamte Besatzung an Bord beordert. Die letzten neun Mann trafen am 28. November 1952 in Bremen ein. Mardin hatte sie anscheinend persönlich ausgesucht. Bald kam das Bunkerboot längsseit, aus dem ( die Raman war schon ein Ölbrenner) gebunkert wurde. Ebenso geschah es mit Proviant und Frischwasser. Es sah also alles so aus als sollte es bald in See gehen. Trotzdem geschah wieder einmal eine ganze Weile gar nichts.
 Die Besatzung der Raman langweilte sich grässlich, weil sie einerseits auf dem blitzsauberen Schiff noch nicht viel zu tun hatten. Viel Geld hatten sie auch nicht um an Land den Teufel und die kleinen Mädchen tanzen zu lassen. Ihr Kapitän Rifad Omder hielt sie wohlweislich kurz. Irgend etwas war im Busch, was das verriet Kapitän Onder natürlich nicht. Das Jahr 1953 begann, aber es geschah immer noch nichts. Da war es aber diesmal die Werft die sich zu rühren begann. Sie fragte bei der Wasserschutzpolizei in Bremen an, was sie wohl tun könnte, um zu verhindern das die Raman auf und davon ginge, ohne sich um die Bezahlung der Rechnung zu kümmern. Die Polizei gab Bescheid. Sie müssen einen gerichtlichen Arrestbefehl gegen das Schiff erwirken. In die Kette legen sagt der Seemann dazu. Wenn ein Schiff gepfändet wird, kommt ein Gerichtsvollzieher an Bord. Der klebt aber keinen papierenen Kuckuck an die Bordwand, auch nicht unter das Sofa in der Kapitänskajüte, sondern er legt um den vorderen Mast eine Kette, schließt sie und versiegelt das Schloss. Das Schiff wird also nicht, wie man fälschlicherweise immer wieder liest an sondern, in die Kette gelegt, denn an die Kette legen hieße ja, es durch eine Kette mit einem Poller an der Kaimauer befestigen.   
Die Werft befolgte den Rat der Wasserschutzpolizei, und beantragte für die Raman gerichtlichen Arrest. Einen Fehler aber beging die Werft, sie verständigte die Wasserschutzpolizei nicht über den Arrest. Der Reeder in Istanbul fand einen Ausweg, er ließ sich von einer angesehen türkischen Bank eine Garantie geben. Darin versicherte die Bank, das die Rechnung der Weserwerft bezahlt werde sobald, die Devisenstelle den Betrag zur Überweisung freigegeben hätte.
   
Mit diesem wichtigen Papier in der Tasche, das so gut wie bares Geld war, setzte sich der Reeder schleunigst in ein Flugzeug, nahm auch gleich seine gut deutschsprachige Sekretärin als Dolmetscherin mit und flog nach Bremen. Jetzt musste die Raman so rasch wie möglich in Fahrt kommen, so oder so. Er hatte keine Lust, wegen der Säumseligkeit der Regierungsstellen an seinem Tanker pleite zugehen.
 Zwei Tage später standen Türke und Türkin dem Direktor der AG. Weser gegenüber. Mardin zeigte ihm freudestrahlend die Bankgarantie. Was konnte jetzt noch anderes passieren, als dass die Werft sofort den Tanker freigab und er noch am selben Tag in See stechen durfte?
Doch die Werft war wie schon angedeutet, misstrauisch geworden. Hazim C. Mardin und sein Tanker lagen ihr schon schwer im Magen. Nun kam er endlich, aber statt eines Koffers voll Geld brachte er bloß ein Stück Papier mit, auf dem eine Bank versprach zu zahlen, wenn- Ja wenn! Die Türken hatten nicht bedacht, dass man in Deutschland den ganzen Zauber der Devisenbewirtschaftung schon seit vielen Jahren zur Genüge durchexeziert hatte.
Und da ein gebranntes Kind bekanntlich das Feuer scheut, so machte die Werft ein missmutiges Gesicht. Dem Werftdirector, der so leichtgläubig auf eine Bankgarantie hin einen Dampfer frei gab, wäre es nicht gut ergangen. Auf der Werft sagte man also; Bedaure sehr! Und wollte Bargeld sehen. Jetzt ging dem Türken der Fez hoch. "Dan fahre ich eben so!" sagte er. Die Sekretärin war jedoch klug genug, diese Worte nicht zu übersetzen. Damit war die Unterredung beendet. Hazim C. Mardin kletterte also mit unheilverkündener Miene an Bord und nahm sogleich seinen Kapitän beiseite. Dann begaben sich die beiden ins Kartenhaus, wo die Seekarten mit dem Unterlauf der Weser schon bereit lagen. Ein eifriges Hantieren mit Zirkel und Lineal hob an. Als aber der Abend anbrach und eine gewisse Ruhe auf der Werft eingekehrt war, lag die Raman nach wie vor harmlos da. 
Still und geheimnisvoll wurden auf der "Raman" gewisse Vorbereitungen getroffen

Der Augenblick war gekommen, an dem die "Raman" die Flucht ergriff.
Die Vorleinen wurden los geworfen. Mit der Strömung und dem Wind wurde der Tanker wunderschön abgedrückt. Mit der Nase ins Fahrwasser, ohne das die Maschine dabei zu helfen brauchte. Je später sie angeworfen wurde, um so besser war es. In ruhiger Nacht war das Rummeln einer angehenden Schraube weithin zu hören. Als der Tanker soweit gedreht hatte, dass er stromrecht lag, kam der Befehl: "Achterleine los!" Gleich darauf: "Maschine halbe voraus!" Langsam ging die "Raman" mit der Fahrt an. Sie glich einem riesigen Schatten, der sich fast lautlos von der Werftpier löste und der Mitte des Wendebeckens zustrebte. Wohlweislich hatte man alle Lampen abgeblendet und auch die Positionslampen nicht gesetzt. Man sollte ja auf der Werft nicht schon in den ersten Minuten merken, dass der Türkendampfer plötzlich davon lief.

Jetzt kam das schwierigste Manöver. Das Schiff lag ja noch mit dem Heck zur Ausfahrt des Hafenbeckens , musste also einmal herumgedreht werden. Maschine- stopp! Der Maschinentelegraf rasselte. Unmittelbar darauf stellte die Schraube ihre Arbeit ein. Klar bei Anker- Anker - fallen! Der Buganker rasselte in der Mitte des Wendebeckens in den Grund. Maschine - kleine voraus - Ruder hart Steuerbord. Gehorsam schwoite der Tanker, vom Buganker gehalten und von der Schraube getrieben um 180 Grad, bis die Nase zur Ausfahrt zeigte. Anker auf, die Ankerwinde rumorte. Die Kette klöterte mit viel Lärm durch die Klüse. Im Hafen blieb es aber still. Niemand kümmerte sich um sie. Schließlich war das poltern einer Ankerkette auch bei Nacht nichts Außergewöhnliches. Dafür war man schließlich in einem Hafen. Ruder mittschiffs- Maschine- halbe voraus Noch immer war vom Tanker nichts weiteres als seine dunklen Umrisse zu sehen. Schwarz und schweigend schob er sich jetzt in Richtung Ausfahrt, die von zwei Molenköpfen gebildet wurde.
Der Wärter auf der Mole der Einfahrt wunderte sich nicht wenig, als plötzlich ein gänzlich abgeblendetes Schiff an ihm vorbeiglitt. Und Minuten später in Richtung Weserfahrwasser verschwand. Er wollte gerade zum Telefon greifen, als er bemerkte wie bei dem Schiff die Positionslampen angingen. Da ließ er den Hörer auf der Gabel liegen. Der Fall war damit erledigt. Außer dem Molenwärter befand sich aber zufällig noch ein anderer Mann in diesem  Hafenbecken, der seine Augen offen hielt. Es war ein Lotse, der gerade mit einem Schiff herein kam. Mit Staunen sah er, wie die "Raman" mit abgeblendeten Lichtern manövrierte und das weite suchte. Hätten sie doch nur die Lampen angedreht. Dann wäre wahrscheinlich alles klargegangen. Der Lotse wusste mehr als der Wachmann, nämlich das der Türken - Tanker in  der Kette lag. Es dauerte natürlich geraume Zeit, ehe der Lotse mit seinem einkommenden Schiff festlag, so das er von Bord gehen konnte.
( Sprechfunk gab es noch nicht ). 

Er lief zu einem Telefon und wählte die Nummer der Wasserschutzpolizei.
Dem Polizeirat berichtete der Lotse ausführlich, was er gesehen hatte und was davon sener Meinung nach nicht sein durfte.
Die Polizei wußte aber offiziell von nichts. Man hatte sie ja, wie bereits erwähnt, nicht unterrichtet. Die Polizei konnte vorläufig nichts weiter tun. Da war noch die Frage der Abfertigung. Deswegen nun Alarm schlagen und den ganzen Verein in Aufruhr bringen, lohnte sich wirklich nicht.
Man hatte ja den in Bremen sitzenden Makler des türkischen Reeders, dem man einen Strafzettel zuschicken würde und der bezahlen mußte. Wegen unerlaubten Verlassen des Hafen.
Der andere " Tatbestandt " nämlich das der Tanker ohne Lotsen und ohne Schlepperhilfe den Hafen verlassen hatte , war zwar ungewöhnlich aber nicht strafbar. In den Bremer Häfen bestand kein Lotsenzwang und erst recht kein Zwang auf Schlepperhilfe.
Die einzigen die etwas unternehmen konnten waren die Herren der A.G. Weser Werft. Nur sie konnten einen Arrestbefehl erwirken.

Ehe sie den im Tresor verwahrten Arrestbefehl herausgeholt und ihn der Wasserschutzpolizei gegeben hatten, war der Tanker längst jenseits,  der damals noch gültigen Dreimeilenzone. Die einzige Sorge des türkischen Reeders, waren nur die siebzig Seemeilen vom Werfthafen bis zum Ende der Dreimeilenzone. Draußen auf dem freien Meer aber konnte ihm kein Gerichtsvollzieher mehr etwas anhaben. Des Reeders einzige Sorge war also, die siebzig Seemeilen bis zur offenen See so rasch wie möglich zurückzulegen. Dreizehn Knoten machte sein Dampfer über Grund. Es herrschte ablaufendes Wasser und da die Maschine von der Werft erstklassig in Stand gesetzt worden war, stiemte die Raman Richtung See. Und zwar in stockdunkler Nacht in einem gänzlich unbekannten Fahrwasser mit seinen Untiefen und Windungen, denen man haargenau folgen mußte, wenn man nicht gegen eine Sandbank rennen wollte.  

Die Rechnung des türkischen Reeders ging leider nicht ganz auf. Als man die Flucht bemerkte, wurde sofort die Werftleitung alarmiert, die sich nun ihrerseits sofort mit der Wasserschutzpolizei in telefonische Verbindung setzte. Erst jetzt erfuhr die Polizei aus berufenem Munde, daß über den türkischen Dampfer, Arrest verhängt worden war, den die Werft wegen der bisher nicht gezahlten Reparaturkosten beantragt hatte. Der Reeder und Eigner der "Raman" habe also Pfand und Besitzentziehung begangen.
Weiterhin habe er einen Schlepperneubau im Wert von 1,5 Millionen Mark losgeworfen und treiben lassen und sich dabei in bezug auf den Wächter der Freiheitsberaubung schuldig gemacht. Zu guter Letzt habe er mit seinem Schiff noch das Dock V, in dem ein 6 000 BRT großes Schiff eingedockt sei, gerammt und beschädigt. So betrachtet, war das natürlich allerhand, was sich Hazim C. Mardin ge­leistet hatte. Als dann Vegesack um l Uhr 15 meldete, daß "Raman" soeben die Signal­stelle seewärts passiert habe, konnte man sehr schnell nachrechnen, daß der Türke mit Höchstfahrt die Weser abwärts brauste, ohne Rücksicht auf die durch die Bug- und Heckwellen entstehenden Schäden an den Uferböschungen, Strom­bauwerken und sonstigen Einrichtungen der Wasserbaubehörden. Damit bekam die Wasserschutzpolizei die Handhabe, die sie brauchte, um den Sünder beim Kanthaken zu nehmen und ihm die Leviten zu lesen. Dazu mußte man ihn aber erst einmal haben.  

Das war nun leichter gesagt als getan. Die Polizei zu Lande war mit Funk­streifenwagen ausgerüstet. Ein Ruf durch Sprechfunk an alle Wagen, und schon wurde der Übeltäter eingekreist und abgefangen. Im Falle der "Raman" wäre es, müßte man meinen, noch viel einfacher ge- wesen. Erstens kannte man ja das Schiff nach Namen und Aussehen, und zweitens wußte man, wohin es fuhr und wo es sich im Augenblick befand. Trotzdem war es wesentlich schwieriger, des Ausreißers habhaft z.u werden. Die Wasserschutzpolizei war noch nicht so modern ausgestattet wie die Kollegen von der Straße. Das lag in der Hauptsache daran, daß es unter den Seeleuten längst nicht so viel Übeltäter gab wie unter den Landratten; außeidem ging die Anschaffung eines schnellen Streifenbootes gleich in die Hunderttausende. Was man in Bremen im Augenblick einsatzbereit zur Verfügung latte, war ein Hafenboot der Station I, das am Überseehafen lag. Das Boot war schon vorsorglich ausgelaufen. Durch Sprechfunk erhielt es Order, die Verfolgung der "Raman " aufzuneh­men und dabei gleich auf weitere Schäden zu achten, die der türkische Tanker inzwischen noch angerichtet haben könnte. Bei der Braßfahrt, mit der er das Weite suchte, würde es wahrscheinlich auch auf der Weser noch Kleinholz geben. Es brauchte ihm nur ein kleiner Schleppzug, bestehend aus einem Schlepper oder einer Barkasse und ein paar Schuten, etwas zu langsam über den Weg zu laufen. Hazim C. Mardin würde wahrscheinlich lieber die Schuten samt Schlepper über den Haufen rennen, als durch ein Ausweichmanöver selbst auf Grund zu geraten. So wenigstens schätzte man - ungerechterweise - den Türken ein. Das Hafenboot der Wasserschutzpolizei dampfte also los, was die alte Ma­schine noch hergeben konnte. Sie tat keuchend ihr Bestes. Mehr als 10 Knoten schaffte sie jedoch auch mit aller Gewalt nicht. Sie war eben viel zu alt und für solch einen Wettlauf einfach nicht mehr gelenkig genug. Das sah man in Bremen auch bald ein. Man hätte liebend gern eines jener Schnellboote, wie sie früher in Vegesack dutzendweise gebaut worden waren und wie man sie auch jetzt wieder herzustellen begann, bemannt und dem Türken auf die Fersen gesetzt. Das wäre mal ein richtiger Sport für die Wasser­schutzpolizisten gewesen, deren Dienst sonst nicht gerade sehr abwecklungsreif war und die gern mal eine kleine Jagd veranstaltet hätten. Was man aber nicht besaß, das konnte man auch nicht losschicken. Und da es das Hafenboot nun wirklich nicht  schaffen  konnte,  obwohl es schon Vegesack erreicht hatte, so rief man es durch Sprechfunk zurück. Durch Hinterherjagen war der Tanker nicht mehr einzuholen. Dem mußte man schon anders beikommen, wenn man seiner noch habhaft werden wollte. Der Leiter der Bremer Wasserschutzpolizei griff zum Fernsprecher und ließ sich mit der Dienststelle in Brake verbinden, das bekanntlich in Oldenburg und etwa auf halber Strecke zwisdien Bremen und Brernerhaven an der Weser liegt. Der Polizeirat unterrichtete kurz den  dortigen  Dienststellenleiter über das, was vorgefallen war, und gab ihm den Auftrag, sofort ein schnelles Fahrzeug zu chartern, damit dem Tankdampfer entgegenzufahren und ihn anzuhalten.  
  In Brake wurde man sofort mobil. Das schnellste erreichbare Fahrzeug war der Motorschlepper "Bardenfleth". Er lag auf Abrufstation, konnte also sofort los werfen. Mit drei Wasserschutzpolizisten an Bord legte die "Bardenfleth" auch bald ab und fuhr die Weser hinauf mit Kurs auf Bremen. Jetzt war also dicke Luft! Allerdings nur für einen, der Angst hatte. Hazim C. Mardin aber hatte keine Angst, nicht die Spur davon. Wovor auch? Daß ein kleiner Schlepper seinen dicken Dampfer über den Haufen rennen würde? Ein Floh kann doch keinen Elefanten umschmeißen! Es waren aber drei Polizisten an Bord, erkenntlich an ihrer blauen Uniform. Vor denen blieb man auf der Straße stehen, wenn sie die Hand erhoben. Ob ein dicker Tanker auch so gehorsam war, noch dazu mitten in stock­finsterer Nacht? Was wollten sie wohl machen, wenn er sich nicht um sie kümmerte, sondern weiter mit A.K. durch die Gegend brauste? Darüber waren sich die drei Polizisten wahrscheinlich selbst noch nicht recht im klaren. Erstens hatten sie so etwas noch nicht erlebt, und zweitens meinten sie, daß der Kapitän seinen Maschinentelegrafen sofort auf ,Stop' legen würde, wenn sie die Polizistenhand erhoben. Sie vergaßen, daß der Respekt vor der Obrigkeit nur den Deutschen so tief in den Knochen saß. Am Rande von Kleinasien hatte man ein wesentlich dicke­res Fell. Noch aber war es nicht soweit mit dem Anhalten, noch war von der "Raman" weit und breit nichts zu sehen. Da - endlich, es war schon nach zwei Uhr, tauchten voraus die Lichter eines auslaufenden Tankers auf, der vorschriftsmäßig in der Fahrrinne fuhr. Abge­blendet hatte er also nicht. Um so besser! Der Schlepper ging auf Gegenkurs und ließ den Tanker aufkommen. Es war die "Raman", wie man einwandfrei feststellte. Als sie an Steuerbordseite bis auf hundert Meter herangekommen war, ließ der Schlepper sein Typhon hören. Einmal lang - einmal kurz, ganz klar und deutlich. Nach alter Regel der Seeschiffahrtsstraßenordnung hieß das: "Stoppen Sie!" Doch Hazim C. Mardin pfiff sich und dem Schlepper eins. Das konnte zweierlei Gründe haben: Entweder, er dachte nicht daran, zu gehorchen; oder aber, er verstand die Aufforderung nicht. Das Zeichen ,Lang - kurz' war nämlich nicht international als Stoppzeichen festgelegt,'sondern steht nur in der deutschen Seeschiffahrtsstraßenordnung. Konnte man von einem Türken verlangen, daß er sie auswendig kannte? ^ Die "Raman" stoppte also nicht, auch dann nicht, als der Schlepper sein Typhon zum zweiten und schließlich zum dritten Male laut und vernehmlich hören ließ. "Halt - Bursche! Oder -" Ja, was - oder? Der Tanker lief unbekümmert weiter.


URAG Schlepper Bardenfleht

Was nun? "Zum Donnerwetter, das Gebrüll müssen die Kerls doch da oben hören!" wetterte der Streifenführer. Nicht nur das. Sie sahen doch auch den Schlepper mit full speed an ihrer Backbordseite in knapper Entfernung vor sich herbrausen. So etwas mußte doch auffallen! "Na - endlich!" Oben bequemte sich nun doch ein Mann dazu, kurz auf die Brückennock heraus­zutreten und mal eben die Lage außenbords zu peilen. Gleich scholl ihm durch Megaphon eine sonore Stimme entgegen: "Water Police! - Raman, stop your engine please!" Das war noch sehr höflich. Aber der Sailor oben zeigte denen unten seine Kehrseite und verschwand wie­der im Ruderhaus. Niemand scherte sich um den Schlepper und die Leute, die sich ,Water Police' nannten. Da konnte ja schließlich jeder kommen! ,Water Police'? Lachhaft! Die kam mit 'nem schneidigen Schnellboot ange­braust und hatte vorn und hinten mindestens je ein 2 cm-MG stehen. Aber nicht mit 'nem ganz gewöhnlichen kleinen Schlepper!
Nee, Freunde, ihr fangt uns nicht! Hazim C. Mardin und sein Captain grienten sich verständnisvoll an. Sie wuß­ten Bescheid. Das da draußen war ein Schlepper von der Werft, der ihnen nachge­braust war, um die vorgesehene Rechnung zu kassieren. Weiter nichts. Um dessen Geschrei brauchte sich ein Fahrensmann nicht zu kümmern. Wenn die Werft ihr Geld haben wollte, sollte sie zum Rechtsanwalt gehen. Der würde das Kind schon schaukeln. Hazim C. Mardin ließ also seine Maschine weiterhin schön auf ,Voll voraus' laufen. Doch verdammt - was war das? Waren denn die Kerls da unten ganz und gar verrückt geworden? Blenden einem mit ihren Scheinwerfern mitten ins Gesicht, so daß man nichts mehr sehen kann und gänzlich blind tastet. Das konnte ja "ne schöne Schweinerei werden, wenn man jetzt aus dem Kurs lief oder einem entgegenkommenden Dampfer in die Flanke rannte. "Immer hinein in die Freß!" sagte der Führer des Wasserschutzkommandos und wischte mit dem Strahl des Schlepperscheinwerfers an der Fensterfront des Ruderhauses hin und her. Die da oben kniffen die Augen zu und fuhren blind. Dabei geriet das Schiff mal nach Backbord, mal nach Steuerbord vom Kurs ab. Aber immer wieder drehte es zurück, weil man alle Sinne zusammennahm und sich auch durch das grelle Licht nicht aus der Fassung bringen ließ. Was wäre wohl geschehen, wenn der Tanker jetzt mit einem ändern Fahr­zeug zusammengerasselt wäre? Wer hätte das wohl bezahlt? Das wäre ein fetter Prozeß für die Advokaten gewesen. Gott sei Dank passierte in dieser Hinsicht nichts. Die Türken waren höllisch auf Draht. Sie wollten sich nicht noch mehr in das Schlamassel hineinreiten, in dem sie sich offensichtlich sowieso schon befanden. Endlich gab der Schlepper es auf, ihnen mit dem Scheinwerferlicht vor der Nase herumzufummeln. Er ging zu einer ändern Taktik über.

Mit äußerster Kraft versuchte er, längsseit des Tankers zu kommen. Was er tun wollte, war nicht klar ersichtlich. Etwa entern? Natürlich, was sonst? Ganz wie einst zu Claus Störtebeckers Zeiten! Was tat damals ein Schiff, das sich das nicht gefallen lassen wollte? Es  bewaffnete seine Mannen mit handfesten Schlagwerkzeugen und ließ kräftig dreinschlagen.  Ein moderner Türke aber tat so etwas nicht mehr. Es waren ja auch keine richtigen Piraten, die sich da des Schiffes bemächtigen wollten. Ob Hazim C. Mardin nun wirklich der Meinung war, es seien keine Poli­zisten, sondern Werkschutzbeamte der Weserwerft, soll dahingestellt bleiben. Zusehen und sich schließlich ergeben, kam für ihn natürlich nicht in Frage. Man riß schließlich nicht aus, um schon beim ersten Geschrei des Gegners die Flinte ins Korn zu werfen. Also ließ Hazim C. Mardin flugs zwei Deckwaschschläuche klarmachen und die Pumpen anstellen. Wasser, noch dazu, wenn es eiskalt aus der Weser kommt, hat eine nicht zu unterschätzende Wirkung. Das hatte auch die Polizei längst erkannt und deswegen die berühmten Wasserwerfer angeschafft, mit denen sie unliebsame Volksaufläufe zu zerstreuen pflegt. Mit Wasser aus zwei Schläuchen unter nötigem Atmosphärendruck wollte also Hazim C. Mardin sein kostbares Eigentum gegen jeden Enterversuch ver­teidigen. Er ließ daher, als sich der Schlepper bis auf 30 Meter dem Tanker ge­nähert hatte, zwei dicke Strahlen auf ihn richten. 
Das gab natürlich auf "Bardenfleth" eine unangenehme Überraschung. Es konnte ja letzten Endes den Männern auf dem Schlepper nicht ganz gleichgültig bleiben, ob sie in eiskalter Februarnacht plötzlich ausgiebig mit See-Wasser begossen wurden. Natürlich war das offener Widerstand gegen die Staatsgewalt. Die Polizei tat nun das, wozu sie berechtigt und genötigt war: Sie schoß. Aus kleinkalibrigen Pistolen. Zielscheibe war aber nicht etwa das Ruderhaus mit den Gesichtern hinter den Fenstern, sondern der Himmel darüber. Es sollten ja .nur Warnschüsse sein. Diese Warnung war aber für die Katz. Weder der türkische Reeder noch sein Kapitän kümmerten sich darum. Immerhin - die Helden auf Deck schmissen, ihre Schläuche hin und verschwanden blitzschnell binnenbords. Das war aber auch alles, was die Polizisten erreichten. Der Tanker stob weiter davon. Ihm kam es einzig und allein darauf an, die offene See zu erreichen. Unten auf dem Schlepper knirschte man vor Wut mit den Zähnen. So eine Blamage. Da war man nun Polizei und mußte sich von einem Türken foppen lassen, weil man nichts hatte, um dem Burschen den nötiger! Respekt einzuflößen. Ein einziges Maschinengewehr oder gar eine Revolverkanone hätten genügt, dem Herrn auf dem Tanker den Ernst der Lage vor .Augen zu führen. Irgendwie mußte aber der Kerl zur Räson gebracht werden. "Scheinwerfer - leuchten!" Vielleicht gelang es doch, ihn mit Blendversuchen kirre zu machen. Sofort waren die Deckwaschmänner wieder da und richteten ihre Wasser-MGs auf den Schlepper. Wasser gegen Licht! Das war wirklich ein harmloser Krieg. Bis auf einen eventuellen Schnupfen konnte dabei nicht viel passieren. Doch - wenn nämlich ein Schiff entgegenkam. Und das war jetzt der Fall. Aus Vorsicht ließ daher die Polizei von weiteren Lichtattacken ab, bis man den aufkommenden Dampfer passiert hatte. Inzwischen war man bis querab der Braker Hafenanlagen gekommen, wo der Leiter der Wasserpolizeidienststelle durch Sprechfunk Zeuge der fruchtlosen Bemühungen des Schleppers und seiner Leute war. Da war nichts zu wollen. Diesen Türken hoben sie nicht aus dem Sattel, wie es einst die Kreuzritter getan hatten. Flugs drückte der Dienststellenleiter auf die Tasten und gab ein Fernschreiben nach Bremen auf. +  + TANKER RAMAN REAGIERT NICHT AUF STOPPVERSUCHE + + Wenige Minuten später hatte der Polizeirat den Spruch in Händen. Er war längst auf der Dienststelle angekommen und hatte schon ungeduldig auf eine Nachricht gewartet. Er hatte es sich fast denken können, daß man in Brake keinen Erfolg haben würde. Wer so dreist war wie der Türke, der setzte alles auf eine Karte, um die Freiheit zu gewinnen.

Polizeistreifenboot WS 30 später Bremen 2 der Wasserschutzpolizei Bremen.


Zum Glück lag Brake nicht an der Wesermündung. Die "Raman" hatte noch rund 30 Seemeilen vor sich, ehe ihre Männer aufatmen durften. Das dickste Hindernis lag erst noch vor ihnen. Es hieß Bremerhaven. Es mußte dem Türken klar sein, daß die Wasserschutzpolizei dort ihre stärksten Boote in Bereitschaft hatte. Erst, wenn diese Hürde genommen war - Der Bremer Polizeirat setzte diesem Hoffen einen dicken Riegel vor.
Er ließ durch Fernschreiber an die Bremerhavener Dienststelle geben: + + AN STATION V + BOOT WS 30 SOFORT AUSLAUFEN + TÜRKISCHEN TANKDAMPFER RAMAN UNTER ALLEN UMSTÄNDEN STOPPEN UND NOT­FALLS ENTERN + +
Dieses Fernschreiben löste Alarmzustand auf der Bremerhavener Dienst­stelle aus. Das Streifenboot "Wasserschutzpolizei 30", eines der größten und modern­sten Fahrzeuge der Wasserschutzpolizei, lag wie stets klar zum Einsatz. Die fünf Polizisten, die zur Besatzung gehörten, eilten sofort an Bord. Dazu vier weitere Beamte, die vom Dienststellenleiter zur Verstärkung abgeteilt wor­den waren. Mit ihnen kam noch ein Lotse, den man vorsorglich mitnahm. Mit zehn Mann hoch und einer Maschinenleistung von 24 Knoten brauste das seetüchtige Fahrzeug los. Hazim C. Mardin, jetzt geht es dir an den Kragen. Diesem Boot und seinen zehn entschlossenen Männern kannst du nicht entgehen. Auf "WS 30" war man auf alle Fälle vorbereitet, auch darauf, einen großen Tanker entern zu müssen. Nur eins hatte auch dieses Fahrzeug leider nicht an Bord: eine anständige Kugelspritze. Das war beinahe unverständlich'. Aber erstens hatte man uns zufolge des verlorenen Krieges alles, was Waffen hieß, abgenommen; und zweitens hatte sich bisher noch nicht die Notwendig­keit ergeben, ein MG oder gar eine Maschinenkanone an Bord haben zu müssen. Solche Piratenstückchen, wie sie sich Flazim C. Mardin leistete, kamen ja in deut­schen Gewässern kaum alle hundert Jahre einmal vor. Wozu sollte man also solch furchterregendes Monstrum auf der Back haben? Das gab nur Arbeit mit Waffenreinigen, Exerzieren und war letzten Endes doch zwecklos. Diesmal hätte man freilich solch ein Ding ganz gern an Bord gelabt. Wer weiß, was für Sperenzchen der Türke noch machte! Na, man würde ihm auch schon so gehörig auf die Hühneraugen treten. Mit Braßfahrt ging es weseraufwärts. In der stockdunklen, aber klaren Nacht waren ja die Positionslichter eines seewärtsfahrenden Schiffes schon von wei­tem zu erkennen. Sie kamen denn auch - es war gegen 2 Uhr 30 - voraus in Sicht. Mit eingeschaltetem Blaulicht steuerte "WS 30" auf den Tanker zu, der eine mächtige Bugwelle vor sich herschob. Er hatte alle Löcher aufgedreht und schien entschlossen, jetzt - so nahe an der Mündung - alles über den Haufen zu rennen, was sich ihm in den Weg stellte. "Anmorsen!" befahl der Streifenführer. Der Morsescheinwerfer begann zu klappern. "'Water Police! Raman stop!" Doch "Raman " tat, als sei sie blind.
Schwerhörig war sie auch, denn das ,Lang-kurz' des Typhons hörte sie gleichfalls nicht. Da schwirrten Sternsignale heran. Die waren "nun wirklich nicht zu übersehen. Der Tanker aber tat, als ginge ihn das alles gar nichts an. Er stoppte weder, noch wich er von seinem Kurs ab. ,Vorwärts, vorwärts!' das war seine Devise. Nur nicht aufhalten lassen. Noch zwanzig Meilen, dann war es geschafft. "Scheinwerfer an!" "WS 30" exerzierte erst einmal alle harmlosen Mittel durch. Grell prallte das Licht des Scheinwerfers gegen die Scheiben der Brückenauf­bauten des Tankers. Dahinter schloß man schmerzhaft die Augen, hielt aber durch und fuhr stur den Kurs. Hier draußen, wo die Weser schon recht breit war, konnte nicht so leicht etwas passieren, wenn man für kurze Zeit um ein bis zwei Grad abwich. Endlich erlosch das Licht wieder, weil man eingesehen hatte, daß dem Türken mit diesen Dingen nicht beizukommen war. Und da man nicht mehr lange fackeln wollte, ging man gleich aufs Ganze. "Klar zum Entern!" befahl der Bootsführer. Jetzt wurde die Sache dramatisch. Die vier Mann Verstärkung wurden eingeteilt. Zwei Mann für die Brücke, zwei Mann in die Maschine, sobald sie an Deck des Tankers gekommen waren. Dieses Deck befand sich sechs Meter über dem Wasserspiegel, denn der Tanker fuhr in Ballast, lag also hoch aus dem Wasser. Das durfte aber auch bei Nacht und Eiseskälte kein Hindernis für die Polizisten sein. Das Wasserschutzboot ging jetzt auf Gegenkurs, lief an der Steuerbordseite des Tankers auf und hielt die gleiche Geschwindigkeit mit ihm, um die genaue Fahrtstufe festzustellen. Es sollte ja in der Lage sein, nach dem Längsseitgehen ohne Leinenverbindung am Tanker zu bleiben. Dabei suchte man nach dem günstigsten Platz zum Aufentern. Das war die Achterkante der Brücke. Also ran! Oben rührte sich merkwürdigerweise diesmal nichts. Die Deckwaschschläuche blieben unberührt liegen. Diesmal wußte Hazim C. Mardin ganz genau, daß er Polizei und keinen Werftschutz vor sich hatte. Wenn er jetzt wieder spritzen ließ, konnte ihn der Spaß teuer zu stehen kommen. Dennoch hoffte er, daß es den Beamten nicht gelingen würde, an Deck seines Schiffes zu kommen. Die Nacht war stockdunkel, und das Deck war total vereist. Außerdem standen seine Leute bereit, sofort Wasser über das ganze Deck laufen zu lassen, wenn es trotzdem ernst werden sollte. Es wurde ernst. Auf dem Polizeiboot richtete man die Enterleiter auf. Sie war jedoch zu kurz. Also rauf damit aufs Peildeck des Bootes. Zwei Mann bedienten die Leiter, die beiden anderen standen klar zum Aufentern. "WS 30" schor längsseit des Tankers und manövrierte die Fahrt aus, so daß das Boot fest neben ihm lag.















Die Beamten der Bremerhavener Wasserschutzpolizei, die die "Raman" enterten.


"Einhaken!" Ruck - zuck!
Mit Schwung wurde die Leiter über die Oberkante der Reling gehakt.
Flugs enterte der erste der vier Polizisten die Außenwand des Tankers empor. Im selben Moment drehte man oben sämtliche Deckwaschventile auf. Eine Flut ergoß sich über das Deck und lief in breiten Kaskaden durch die Speigatts außenbords, so daß die Polizisten durch einen Wasservorhang entern mußten. So also hatte sich Hazim C. Mardin die letzte Abwehr gedacht. Im Marmara Meer hätte er damit vielleicht Erfolg gehabt, obwohl das Wasser dort niemals so kalt wurde wie in der Weser. Deutsche Polizisten ließen sich aber durch solche Mätzchen nicht ins Bockshorn jagen, auch wenn sie klitschenaß waren und das Zeug ihnen sofort am Leibe zu gefrieren drohte. Der erste, der oben anlangte und einen regelrechten Salto schoß, weil er zu schwungvoll über die Reling gekommen war und auf der spiegelglatten Fläche des Decks den Halt verloren hatte, sicherte erst einmal die Leiter. Dann kam der nächste emporgeklommen, anschließend der dritte und schließ­lich der vierte des Sonderkommandos. So, an Deck waren sie. Was jetzt kam, konnte nicht mehr schwer sein. Zuerst einmal Ventile dicht. Wasserpolizisten sind alte Seeleute, die sich auf jedem Pott auskennen, also auch wissen, wo die Ventile für die Deckswaschleitung sitzen. Im Nu hörte das Rauschen auf. Sonst aber war weit und breit auf dem Schiff nichts zu sehen und zu hören. Alles war dunkel, alles still. Es sah ganz so aus, als führe die "Raman" ganz allein durch die Nacht. Da eilten die vier Polizisten getrennt los. Zwei zur Brücke hinauf, die beiden anderen nach achtern, wo sie bald darauf im Niedergang zum Maschinenraum verschwanden. Mit gezogener Pistole stieß der Streifenführer die Tür zum Ruderhaus auf, das gänzlich im Dunkeln lag. Trotzdem sah er allerhand, nämlich etwa ein Dutzend Gestalten, die stumm wie die Götzen dastanden und sich nicht rührten. Hierher hatte sich also die halbe Crew verkrochen! "Where is the captain?" Die laut und vernehmlich gestellte Frage des Beamten blieb ohne Echo. Wenn es auch Türken waren, diese auf englisch gestellte Frage verstand jeder Seemann. "Where is the captain?" wiederholte der Streifenführer seine Frage noch ein­mal, schon um einen Ton lauter und eindringlicher, während er mit vorgehal­tener Pistole langsam näher kam. Niemand gab Antwort. Der Verein schwieg eisern. Nur einer tat schließlich den Mund auf und sagte etwas in türkischer Sprache, was natürlich der Polizist nicht verstand. Türkisch war ja schließlich keine Weltsprache. Wem diese Worte galten, dem Polizeibeamten oder einem der Türken, war nicht ersichtlich. Immerhin schien er an Bord etwas zu sagen zu haben. Diesen Mann schnappte sich also der Streifenführer, indem er auf ihn zutrat und ihn fragte, ob er der Kapitän sei.
Der aber preßte die Lippen zusammen und sagte keinen Ton. Da stieß ihm der Polizist die Mündung seiner Pistole in die Rippen. So, alter Freund, nun raus mit der Sprache. Bist du der Kapitän, oder bist du es nicht? Diese Geste war selbst dem Türken verständlich. Jetzt war wirklich nichts mehr zu wollen. Ein Loch wollte man sich nun doch nicht in die Rippen blasen lassen. "Yes, I am!"

"Komm, alter Freund!" Dieser unmißverständlichen Aufforderung, der durch den Pistolenlauf der nötige Nachdruck verliehen wurde, mußte Hazim C. Mardin folgen, ob er wollte öder nicht. "Maschine stoppen!" befahl der Streifenführer dem zweiten Beamten, während er den Reeder-Kapitän vor sich herschob, ihn in die Kapitänskajüte bugsierte und dort festsetzte. Die Maschine reagierte aber nicht. Die beiden nach achtern gewetzten Polizisten waren noch nicht ganz unten angelangt. Erst auf ein zweites Maschi­nenkommando kam Antwort, und die Maschine stellte ihr Rummeln ein. Zwei vorgehaltene Pistolenläufe hatten auch dort den Türken den gezie­menden Respekt vor der Obrigkeit eingeflößt. Sie wurden von dem einen Polizisten in die Ecke getrieben, während der andere das Maschinenkommando wiederholte und die Maschine bediente. So, ihr Achmeds und Alis, jetzt ist Feierabend! Das schien den Brüdern auch langsam klargeworden zu sein. Sie verhielten sich mucksmäuschenstill und machten recht betretene Gesichter. So hatten sie sich das Ende der eben erst begonnenen Fahrt wahrlich nicht vorgestellt. Sie sahen sich schon hinter Gittern sitzen und Allah um Beistand anflehen. - Inzwischen waren aus dem Polizeiboot weitere Beamte und der Lotse an Deck geklettert, so daß Hazim C. Mardin seine Felle davonschwimmen sah und sich nun dem Streifenführer gegenüber als Reeder und Alleinverantwortlicher zu erkennen gab, sich also schützend vor seinen Kapitän und seine Besatzung stellte.
                                              Das Fazit
 Inzwischen hatte sich an Land noch einiges zugetragen. Die Werft bangte natürlich um ihren Tanker respektive um das Pfandrecht daran und hatte, als auch vor Brake alle Stoppversuche fehlgeschlagen waren, sofort zwei Beauftragte losgeschickt. Die waren im Auto über die nächtliche Chaussee nach Bremerhaven gerast und hatten dort die US-Navy alarmiert. Die Amerikaner waren gar nicht ungehalten über die nächtliche Störung, sondern sagten den Werftvertretern bereitwillig ihre Unterstützung zu. Zwei ihrer seegängigen Patrouillenboote, die es in sich hatten, wurden alarmiert und lagen zürn Auslaufen bereit. Wenn es dem Wasserschutzpolizeiboot nicht gelingen sollte, den Türken anzuhalten, dann würden die beiden Amerikaner losbrausen. Und dann gab es Kleinholz auf der Tankerbrücke. Die Yankees würden nämlich nicht lange fackeln, sondern losballern. Auch der Polizeirat war in einem Kraftwagen nach Bremerhaven gesaust und hatte von der dortigen Dienststelle aus durch Sprechfunk den Einsatz des Strei­fenbootes geleitet und von ihm laufend Berichte über den Fortgang der Aktion erhalten. Als der Einsatzführer nun melden konnte, daß der Tanker geentert und die Besatzung festgesetzt sei, fuhr der Polizeirat mit einem zweiten Streifenboot zur "Raman" hinüber. Die Werftvertreter hatten verlangt, daß das Schiff nach Bremen zurückgebracht werden sollte. Das aber war Aufgabe der Wasserschutzpolizei.

Hazirn C. Mardin weigerte sich jedoch, als der Polizeirat an Bord des Tankers ihm den Auftrag erteilte, mit seinem Tanker nach Bremen zurückzulaufen. Er wollte an Ort und Stelle liegenbleiben, um wahrscheinlich bei nächster Gelegenheit doch noch auszukneifen. Das freie Meer war ja schon so verlockend nahe. Doch der Polizeirat blieb hart. "Zurück - marsch, marsch!" befahl er, und Hazim C. Mardin mußte schließlich gehorchen. "Ich Beuge mich der Gewalt!" sagte er und wies seinen Kapitän und seine Mannschaft an, den Befehlen der Polizei zu folgen und das Schiff nach Bremen an seinen alten Liegeplatz zurückzubringen. Das war eine traurige Fahrt, die die Alis nun antreten mußten. Jetzt hatte Kapitän Omder wieder das Kommando, assistiert von dem deut­schen Lotsen "und begleitet von einem Streifenboot der Wasserschutzpolizei, während Hazim C. Mardin in seiner Kabine saß und mit dem Schicksal haderte. Die Werft aber freute sich, als um die Mittagszeit der Ausreißer wieder im Werfthafen auftauchte und gehorsam am Kai festmachte. Die Besatzung erhielt strengstes Landgangverbot. Ein vor dem Schiff auf­gestellter Polizeiposten sorgte dafür, daß sich niemand heimlich aus dem Staube machte. Der Reeder aber kam in Untersuchungshaft. Dann kam das gerichtliche Nachspiel. Die Werft stellte nämlich gegen den türkischen Reeder Strafantrag wegen Pfand»- und Besitzentziehung. Man sage nun nicht, die Behörden und Gerichte in Deutschland seien lang­sam. Wie rasch und gründlich sie arbeiten konnten, erfuhr Flazim C. Mardin nur zu bald. Schon am übernächsten Tag wurde er dem Vernehmungsrichter vorgeführt und gehörig ausgefragt. Dann nahm man ihm den Paß ab, schickte ihn an Bord seines Tankers zurück und gab ihm auf, sich jeden Mittag bei der Wasserschutzpolizei zu melden. Damit aber nichts mehr mit dem Dampfer passieren konnte, baute die Werft auf einen Gerichtsbeschluß hin wichtige Teile der Maschinenanlage aus und nahm sie in Verwahrung. Die "Raman" konnte jetzt beim besten Willen nicht zum zweiten Male stif­ten gehen. * Im Schnellverfahren wurde die Hauptverhandlung gegen Hazim C. Mardin vorbereitet und fand schon am 27. Februar, also knapp zehn Tage nach der Eskapade, vor dem Bremer Schöffengericht statt. Es war allerhand, was man dem Türken vorwarf: Pfandentzug, Widerstand gegen die Staatsgewalt, Transportgefährdung, Freiheitsberaubung wegen des Wachmannes auf dem Werftschlepper, und diverse Verstöße gegen die See­straßen- und Seeschiffahrtsstraßenordnung sowie gegen die Bremische Hafen­ordnung. Das Register war also höllisch lang. Hazim C. Mardin hatte zu tun, um seinen Kopf aus der Schlinge zu ziehen, in die er ihn so leichtfertig hineingesteckt hatte.
Natürlich verteidigte er sich nach allen Regeln der Kunst, nachdem er offen erklärt hatte, daß einzig und allein er für alles Geschehene verantwortlich sei. Alles konnte ihm das Gericht widerlegen, nur eins nicht: den Widerstand gegen die Staatsgewalt. Auf die Frage des Gerichts Vorsitzenden, warum er den wiederholten Auf­forderungen der Polizeifahrzeuge, sein Schiff zu stoppen, nicht nachgekommen sei, erwiderte der türkische Reeder, daß er den Braker Schlepper für einen Werftschlepper gehalten habe. Die Signale mit dem Typhon und dem Schein­werfer habe er natürlich bemerkt, habe aber absichtlich nicht darauf reagiert, weil seiner Meinung nach ein Werftschlepper nicht dazu berechtigt gewesen sei, ihn anzuhalten. Auch, die Warnschüsse aus den Pistolen der Polizisten auf dem Schlepper habe er gehört, aber angenommen, daß sie von Angehörigen des Werkschutzes abge­geben worden seien. "Wenn in Deutschland geschossen wird, dann handelt es sich stets nur um Polizei!" sagte daraufhin der Gerichtsvorsitzende. Hazim C. Mardin ließ sich aber nicht verblüffen. "Bei uns in der Türkei ist das anders!" erwiderte er. Man mußte ihm glauben, da man ihm nicht das Gegenteil beweisen konnte. "Sie wissen aber doch, daß das akustische Signal ,Lang-kurz' ein Stoppsignal eines behördlichen Fahrzeugs ist." "Nein, das kenne ich nicht!" Auch dagegen konnte das Gericht nichts sagen, weil, wie schon angeführt, dieses Stoppsignal keine internationale Bedeutung hat. Der ganz offensichtlich geführte Abwehrkampf mit den Wasserschläuchen sprach hingegen eindeutig zu Lasten des Türken. Aber auch dagegen hatte Hazim C. Mardin einen Einwand bereit. "Ich habe das Deck waschen lassen, nichts weiter!" "Nachts um ein Uhr bei starkem Frostwetter?" fragte der Vorsitzende un­gläubig. Der Türke war aber nicht zu verblüffen. "Wir waschen, wenn wir Zeit dazu haben!" Soweit betraf das die Begegnung mit dem Schlepper "Bardenfleth" aus Brake. Als jedoch das Bremerhavener Polizeifahrzeug mit Blaulicht angekommen sei, hatte er, der Angeklagte, doch wissen müssen, daß es sich um Polizei han­delte. Aber der Reeder war nicht klein zu kriegen. Die Bedeutung von Blaulicht kenne er nicht, den Anruf des Bootes habe er nicht verstanden, und das Wassergeben sei eine Folge des Deckwaschens ge­wesen. "Wenn ich gewußt hatte, daß es sich um Polizei handelte, hätte ich natürlich das Schiff sofort stoppen lassen!" beteuerte er mit dem unschuldigsten Gesicht von der Welt. Im übrigen erklärte er wiederholt, sich in einer bitterbösen Zwangslage be­funden zu haben. Dadurch, daß man sein Schiff auf der Werft festgehalten habe, hätte er seinen Verpflichtungen nicht nachkommen können. Das Schiff sei nämlich verchartert gewesen. Außerdem hätte ihm jeder Liegetag viele Un­kosten verursacht.

Daß das Geld für die Reparatur-Rechnung nicht eingetroffen sei, wäre ja nicht seine Schuld, sondern die der türkischen Behörden, welche die Ge­nehmigung nicht erteilt hätten. Außerdem könne er ja schließlich nichts dafür, daß die Bremer Werft nicht einmal die Bankgarantie, die er ihr gebracht habe, anerkannt hätte, sondern Bargeld habe sehen wollen. Hätte er aber statt des Papiers das Bargeld aus Istanbul mitgebracht, dann hätte er sich in seinem Lande eines schweren Devisenvergehens schuldig gemacht. Was also hätte er anderes tun sollen, als das, was er nun mal getan hatte, nämlich seinen Dampfer zu nehmen und damit das Weite zu suchen. Prellen hatte er weder die Werft noch die Behörden wollen. Sie würden alle bestimmt ihr Geld erhalten. So und ähnlich redete Hazim C. Mardin. Zwölf Stunden lang dauerte die Verhandlung. Dann verkündete das Schöffengericht das Urteilt "30000 DM Geldstrafe!" Außerdem mußte Hazim C. Mardin die Gerichtskosten tragen. Damit war der Türke entlassen. Den Widerstand gegen die Staatsgewalt hatte man ihm nicht ankreiden kön­nen, wohl aber die anderen Delikte. Froh, so billig davongekommen zu sein, verließ der Reeder das Gerichts­gebäude. Den Fotoreportern, die ihm auflauerten, lächelte er entgegen. "Im Frieden ist alles anders", meinte er dabei. "Im Krieg hätte ich dafür bestimmt einen Orden gekriegt!" Hat er recht? Wahrscheinlich! Man stelle sich doch mal vor, es wäre im Krieg einem Kapitän gelungen, einen in Feindesland beschlagnahmten Dampfer bei Nacht und Nebel zu entführen. Der Mann wäre als Held gefeiert worden. Im Frieden ist das aber etwas anders.  




                            Ein komischer Schluß!
Der Fall "Raman" wäre an sich damit erledigt. Zwei Dinge müssen jedoch noch erwähnt werden, die erkennen lassen, wie komisch das Leben doch oft spielt. Das erste war ein Telegramm, das Hazim C. Mardin am Freitag, dem 13. März  ausgerechnet an einem Freitag, und noch dazu an einem 13.aus Istanbul erhielt. die beantragte transferierung der reparatur- und liegekosten  ist  genehmigt!


Zwei Tage später war das Geld da.

Um knappe zwei Wochen zu spät.


Der türkische Reeder hatte also tatsächlich zahlen wollen; er hatte es nur nicht gekonnt, weil die türkischen Behörden zu langweilig gewesen waren. Nun konnte er seine "Raman" nehmen und mit ihr bei Tag unter Lotsen- und Schlepperassistenz und nach vorschriftsmäßiger Abfertigung durch die Zoll-, Paß- und Wasserschutzpolizeibehörden den Bremer Hafen in aller Ruhe ver­lassen, was denn auch geschah. Es geschah aber noch etwas anderes. Als der Tanker bei Nacht auskniff und in rasender Fahrt die Weser abwärts­stob, wäre alles klargegangen, wenn die Wasserschutzpolizei nicht dagegen gewesen wäre. Nun aber, wo alles nach Gesetz und Ordnung vor sich ging, wo Reeder, Kapitän und Lotse an Bord waren und man mit gemäßigter Fahrt den Fluß abwärts dampfte, da - ja da passierte es, daß die "Raman" in der Bürener Weser gegen eine Untiefe rannte und dort sitzenblieb. Das Gelächter kann man sich vorstellen, als diese Geschichte in der Öffent­lichkeit bekannt wurde. Zum Glück hatte der Tanker keinen sonderlichen Schaden genommen, sondern war beim nächsten Hochwasser von selbst wieder freigekommen und hatte seine Fahrt fortgesetzt. - Ob er wohl jemals wieder die Weser aufwärts dampfen wird? Wer weiß!                           
                                                          ENDE


Nachtrag 60 Jahre später. In keiner Bremer Hafenamtsliste ist der Name Raman je wieder aufgetaucht.








 
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