Peter Nennstiel

Zeitzeuge der Nachkriegsjahre

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1962 habe ich dann auf meinem letzten Schiff der DDG. Neptun in Rotterdam angemustert. Es war die "Nereus" ein 6800 BRT. großer Frachter. Sie war in der Westafrika Fahrt eingesetzt und während meiner Fahrtzeit, an die Reederei "Woermann-Linie" Hamburg verschartert. mit Stückgut vom Amsterdam, Rotterdam Range nach fast alle Häfen bis Süd West Afrika.Wir führten auch den traditionellen schwarzen Woermann Schornstein mit dem weiß-blauweiß-grünen Band. Die Inneneinrichtung war eine der schönsten, die ich bis dahin auf einem Frachtschiff zu Gesicht bekommen habe. Da die "Nereus" im Afrikadienst eingesetzt wurde, hatte man entsprechende Vorkehrungen getroffen.Auf dem Vorschiff waren 30 bis 40 Neger Crewboys (Die Kru ein westafrikanischer Seeleute Stamm der traditionell von alters her europäischen Schiffen bei der Afrika Rundreise seine Dienste anbietet.Aus dem Stammesnamen Kru entstand das englische Word Crew) untergebracht, die als Schauerleute von Hafen zu Hafen mitfuhren. Sie kamen in Freetown (Sierra Leone) oder Lagos (Nigeria) an Bord. Für eine Rundreise blieben sie an Bord.Auf der Rückreise wurde das Schiff mit Tropischen Edelholz vollgeladen. Wir lagen immer  in Douala (Kamerun), Pointe-Noire, Matadi (Kongo) oder Port Gentile (Gabun) auf Reede und mussten mit Bord eigenem Ladegeschirr die schweren Baumstämme an Bord nehmen.Auch das Laschen der hohen Decksladung mit schweren Ketten und Drähten mussten wir deutschen Matrosen erledigen. Seit jener Zeit antworte ich jedem Aufschneider, bleibe cool, mir gehört im Kongo mindestens ein Negerkral.Das süße Nachtleben in Matadi lernte ich in der "Atlantico Bar" kennen. Gegen Mitternacht, sind wir fast die einzigen Gäste. Eine der Bardamen aus Kamerun erzählte aber, wir sollten ruhig bleiben. In einer halben Stunde währe der  Laden  voll. Tatsächlich ist um  1 Uhr der Laden brechend voll, auf der Tanzfläche genauso wie an den Theken und Sitzecken. Es gibt offensichtlich ein krasses Missverhältnis zwischen Angebot und Nachfrage. Das männliche Publikum besteht aus wenigen französischen Fremdenlegionären, die in irgend einem Nachbarland im Einsatz waren und uns drei Seeleuten von der "Nereus". Auf weiblicher Seite aus Frauen, aus fast allen Ländern Afrikas.Hier sind alle Hautfarben vertreten, von weißen Araberinnen bis zu tiefschwarzen Schönheiten, alle Frisuren die man sich vorstellen kann und das Sprachengewirr ist enorm. Damit habe besonders ich zu kämpfen, denn während meine beiden Kollegen vorwiegend auf der Tanzfläche zu finden sind, reden ständig mehrere Damen auf mich ein. Englisch und Französisch, Haussa, Yoruba praktisch alle gängigen Westafrikanischen Dialekte. Die hartnäckigste habe ich (oder sie mich?) abgeschleppt.So lernte ich "Michelle" kennen. Sie war keine reine Afrikanerin, sondern ein Halfcast (Halbblut) zur Schule gegangen ist sie in Nigeria.Später sagte sie mir einmal sinngemäß: Früher zur Kolonialzeit waren wir Halfcasts zu schwarz um weiß zu sein., heute nach der Unabhängigkeit sind wir zu weiß um schwarz zu sein.Ich persönlich, beurteile einen Menschen nie nach Rasse oder Herkunft. Für meine Beurteilung ist nur die Persönlichkeit wichtig. Entweder ist sie gut oder schlecht. Michelle war eine gute junge Frau, mit einer fröhlichen Lebenslust, sowie einem sagenhaften Organisationstalent. Afrikanerinnen sind in ihrer kurzfristigen Lebensgestaltung äußerst flexibel. Ob sie wohl noch am Leben ist? Wenn ich in meinen Ausführungen die Worte: Neger, Schwarze oder Halfcast benutze, so hat das rein gar nichts mit diskriminieren zu tun. Das war zu meiner Zeit, ein Teil unserer Umgangssprache.

 Eigenes Klo für die Crew Boys

 

Tropenholz (Logs) laden.

 

 

Michelles Wohnung war blitzsauber, nur die Geschmacklosigkeit der Einrichtung verschlug mir fast die Sprache. An der Wand, gleich neben der kaputten Kuckucksuhr ein Poster mit religiösen Parolen. Ein häßliches Sofa mit Häkeldecken wie aus Großmutters Zeiten, daneben zwei weiße Plastikstühle und eine Art Campingtisch.Im Schlafzimmer findet sich u.a. ein wildes Durcheinander von allen möglichen Kosmetikartikeln sowie ein Regal mit mindestens 20 Paar Schuhen. Zu jeder Mahlzeit gab es spottbillige Krabben und Riesengarnelen.

 

Mit den Plastikbändern aus meinen Tonbandspulen, konnte sie kunstvolle kleine Zöpfe in ihren Krauskopf flechten. Fast zwei Jahre waren wir befreundet.

 

 

 

 

 

 

 

Die Schwarzen in diesen Ländern waren zu 90% bettelarm. Das Bewusstsein für den Umweltschutz, war noch nicht entwickelt, es war die Zeit des Wirtschaftswachstum um jeden Preis. Abfälle und Bilgen Öl wurden sorglos in die See entsorgt. Das war einfach so und die Gefahren für die Umwelt war uns einfachen Seeleuten nicht bewusst. Wenn ich an die vielen Schiffsladungen Tropenbäume zurück denke, die alleine während meiner Fahrzeit verladen wurden, habe ich heute noch ein schlechtes Gewissen. Nach dem Erlangen der Unabhängigkeit 1960, fielen die meisten West und Zentralafrikanischen Staaten ab 1963 durch Meuterei, Aufstände und Gewalttätigkeiten in ein Chaos. Nachdem neben den Holzstämmen auch Leichen in der Kongomündung trieben, war es für mich an der Zeit ein neues Schiff zu suchen. Damit endete auch meine Freundschaft mit Michelle.

 

 

 

 

Aus den Ostafrikanischen Häfen, hauptsächlich „ Port Sudan „ sind mir noch die Gesänge der Fuzzy Wuzzy in de Ohren. Als Wachsmann in den Luken hörte ich sie bis zum abwinken.

Vermutlich stammten diese Hafenarbeiter aus den afrikanischen Bergregionen und verdienten sich ihr Geld als Stauer und Schauerleute in den Häfen. Es waren kleine, hagere Personen, die mit Geschick Riesensäcke händelten, die ihr Körpergewicht übertrafen.
In den Luken hatten sie Vorsänger die rhythmisch das Ladungsgeschehen begleiteten und der Singsang kam aus allen Luken.4-5 Mann sangen den Text es klang monoton wie aijamann,aijaman und der Rest  so etwas wie höö,hööö und dieses ohne Pause. 

Port Sudan


Auffällig war ihre zum Turban aufgebaute Frisur, die angeblich zur Abwehr von Parasiten, mit irgendwelchen Tierdung über Jahre hinweg "gepflegt" wurde. Jeder Punker wäre neidisch auf diese Frisuren. Zur Haarpflege benutzten sie so etwas wie eine Holzgabel 2-3 Zinken und um die 20 cm lang.

Wir lagen mit der "Nereus" bei Geb. Röchling Brehola im Industriehafen und haben Logs gelöscht. Die zweite und die Nachtschicht sind ausgefallen. Nachmittags mit der fast gesamten Decks Besatzung an Land. Für ein Taxi waren wir zuviel Leute. Damals fuhr aber noch die Straßenbahn Linie, von Mobil Oil bis zum Depot Gröpelingen. Die ganze Hafenrandstraße runter. An der Haltestelle kommt die Bahn mit nur einem Triebwagen. Alles fängt an zu jauchzen und zu lachen. Auf der Plattform steht in Schaffner Uniform und mit toller Lederumhängetasche unser vor einem Vierteljahr abgemusterte Matrose Wolfgand W. zwischenzeitlich hatte er bei der Bremer Straßenbahn angemustert. Das wurde meine schönste Straßenbahnfahrt. Quer durch den Wagen lief unter dem Dach ein Lederbändsel  damit konnte der Schaffner dem Fahrer Signale geben. Ununterbrochen zog einer von uns am Bändsel. Laut klingelnd sind wir zum Depot Gröpelingen gerattert. Dort angekommen hat Wolfgang sein Kassierer Tasche abgegeben und ist mit uns weiter gezogen. Zu erst in die Lindenhofstraße, grüne Werftbude, Nord Atlantik, Süd Atlantik. Kap Horn, Nixen Klause Später weiter zum Waller Ring, Golden City, Mutti Weiß, Krokodil, Elephant. Es wurde eine rauschende Ballnacht. Wolfgang hat bei uns an Bord gepennt und am nächsten Tag wieder angemustert. Die Straßenbahn A.G. hat es sportiv genommen. Er musste nur seine nie wieder aufgetauchte Schaffner Mütze ersetzen. Zuletzt wurde sie auf dem Kopf einer Dame in Golden City  gesehen. Heute ist Wolfgang ein erzkonservativer Opa mit Enkelkinder und Parzelle in Woltmershausen.

 

 

 

 

MS. Levante an Schuppen 14 Überseehafen Bremen; klar zur Ausreise. An dieser Stelle befindet sich jetzt der Bremen Großmarkt.

 

 

 Anfang der sechziger Jahre war Rotterdam schon die größte Hafenstadt der Welt. Da ich nur einen kleinen Bekanntenkreis in Deutschland hatte und die Möglichkeit ein Schiff zu bekommen in Rotterdam viel besser war, bin ich in den folgenden zehn Jahren nur von Rotterdam aus zur See gefahren. Sarkastisch nenne ich diese Zeit: Meine holländische Periode.

Mein erstes Schiff, daß mir vom deutschen Konsulat am Westzeedyk vermittelt wurde war die "Levante" ein Trampschiff der "Atlas Levante Linie. Es gab und gibt in der Seeschiffahrt wahre Unglücksschiffe, ganz so krass will ich die "Levante" nicht einordnen, aber die Erlebnisse waren dicht an der Grenze. Die "Levante" lag im Hamburger Rethe Hafen, an einem Getreidesilo. Vom Hamburger Hbf. fuhr ich mit meinem Gepäck und Heuerschein mit einem Taxi an Bord. Bei der Ankunft bemerkten wir helle Aufregung an der Pier und an Bord. Flackerndes Blaulicht von Feuerwehr und Polizei. Das Manschaftslogis im Achterschiff brannte lichterloh. Als ich mich  beim verlassen des Taxis als Besatzungsmitglied zu erkennen gab, wurde ich sofort verhaftet und in Handschellen gelegt. Die alte Besatzung hatte mit einigen Damen aus St. Pauli ein rauschendes Abschiedsfest gefeiert.  Bei der Gelegenheit musste der Brand entstanden sein. Die Ermittlunge ergaben schnell, daß ich als "Neuer" mit der ganzen Angelegenheit nichts zu tun hatte.  Mein Dienst begann mit Aufräumungsarbeiten in den verkohlten Mannschaftsräumen. Ich war nahe daran, wieder zurück nach Rotterdam zu fahren. Hätte ich es nur getan.


In der selben Nacht, lief die "Levante" in Ballast und unter Lotsenberatung Elbe abwärts, nach Rotterdam und Antwerpen. Genau von dort war ich mit der Eisenbahn her gekommen. Die Revierfahrt bis zum Feuerschiff "Elbe1" verlief ohne Probleme. Ich war für die 8/12 Wache eingeteilt. Der Wetterbericht von Norddeich Radio war schon beim Auslaufen sehr schlecht. Sturmwarnung Nord-West in Böen 10 bis 11. der Elbe Lotsenversetzer hatte seine Außenposition schon verlassen. Wir mußten unseren Elbe Lotsen gezwungener Maßen bis Rotterdam als Passagier mit nehmen. Bei unserer Ankunft über den Zwangsweg (Von Seeminen geräumte Schiffahrtswege, deren Benutzung der Schiffahrt vorgeschrieben war) meldete  sich bei der Maas Tonne der Niederländische Lotse und teilte mit: Bei dem Wetter kein Lotse. Unser Kapitän, mit 26 Jahren der jüngste in der Reederei, machte genau das falsche. Unser fester Kapitän Siegfried W. hatte Urlaub. Er beschloss mit dem Bug in die See zu ankern. Das Einlaufen ohne Lotsen in die Maas war ihm zu riskant. Auf meiner Wache kurz vor Mitternacht brach im Sturm die Ankerkette. Wir landeten hoch und trocken auf einem Badestrand vor Hoeck van Holland. Den zweiten Matrosen meiner Wache habe ich 1989 noch einmal wieder getroffen, wir haben bis zu seiner Rente noch 15 Jahre zusammen beim Wasser und Schiffahrtsamt Bremen gearbeitet.Erst beim nächsten Hochwasser gelang es den beiden Hochseeschleppern "Noordzee" und "Schelde" der Reederei "Smith Towing" uns frei zu schleppen.   Die Schlepper brachten uns dann zur Reparatur in das Dock der Schiedammer Werft "Wilton

Noordzee

 Schelde



 Nach einem mehrtägigen Aufenthalt im Trockendock wurden mehrere Bodenplatten erneuert und wir waren wieder seeklar. Beim Auslaufen aus dem Werfthafen, wollte ein riesiger Passagierdampfer der Holland-Amerika Linie einlaufen.Die Havarie geschah  blitzschnell, lautes Krachen und dem Holland-Amerika Liner fehlten auf seiner Backbordseite sämtliche Rettungsboote. Bei uns waren Teile der Brückennock weggerissen. Der darunter liegende Wohnraum des Stewarts, war wie eine Konservendose aufgerissen. Mit einem unbeschreiblichen Gesichtsausdruck stand er hinter seinem Schreibtisch und schaute entgeistert nach draußen. Unser Werftaufenthalt verlängerte sich noch einmal um einige Tage. Das wurde der Reederei doch wohl zu teuer und wir bekamen einen neuen Kapitän.


In Rotterdam und Antwerpen wurden wir mit Stückgut für Tripoli und Bengasi (Libyen) sowie Beirut (Libabon) beladen. Diese Reise verlief ohne besondere Vorkommnisse. Beirut wurde damals noch das Paris des Osten am Mittelmeer genannt. Sie war eine wunderschöne Stadt, voller pulsierenden Leben. Der fast die gesamte Stadt zerstörende Bürgerkrieg, begann erst Jahre später.   



  Von dort ging es durch den Bosporus in das schwarze Meer nach Burgas und Varna (Bulgarien) dort haben wir eine volle Schiffsladung Sonnenblumenkerne für Stralsund geladen. In Varna bekamen wir, wie in allen kommunistischen Ländern üblich einen Landgangsausweis und mussten um 24.00 Uhr an Bord sein. Reine Schikane. Zwei sehr junge Mitglieder unseres Maschinenpersonals, sind zu spät vom Landgang an Bord gekommen. Der schwer bewaffnete Miliz Posten an der Gangway nahm den Jungs den Landgangsausweis weg, daß bedeutete während der gesamten Liegezeit keinen Land gang mehr.Wutentbrannt und im Alkohohlrausch riss einer der beiden dem Posten seinen Stahlhelm vom Kopf, der zweite schlug dem Soldaten eine fast leere Gin Flasche auf den Kopf. Bewusstlos fiel der Wachposten zu Boden. Am Morgen lag er erfroren im tiefen Schnee. Die beiden wurden später vom einem bulgarischen Militärgericht zu lebenslanger Haft verurteilt. Die Haft in einem kommunistischen Balkan Land muss die Hölle sein.

Die Verhandlung wurde in der Landessprache geführt, ein Vertreter der deutschen Botschaft aus Istanbul wurde nicht zugelassen. Sicher, Bestrafung für den Tod eines Menschen muss sein, aber die ganzen Umstände entsprachen nicht meinem Sinn für Gerechtigkeit. Ich hatte Mitleid mit den beiden.   
Ich habe zwar einen großen Teil meines Lebens auf See verbracht, mir ist es aber immer gelungen, auch zu einem nicht seetauglichen Thema, meine Meinung zu bilden.